Der Auerochs

Wie ich zur Auerochsen-Rückzüchtung kam

Ich werde oft gefragt, wie ich als Architekt und Projektentwickler zur “Auerochsen-Rückzüchtung“ gekommen bin.

Hier ist meine Geschichte:

Ich bin im Tierkreiszeichen „Stier“ geboren. Schon in meiner Jugend haben mich Rinder fasziniert, nachdem ich in meiner Kindheit zwei Jahre auf einem Bauernhof in Oberbayern gelebt habe. Dort durfte ich die Hausrinder hüten. Damals gab es ja noch keine Rindermast und keine Massentierhaltungen in Deutschland, vielmehr erlebte ich Rinderställe mit ca. 40 Kühen und einem eigenen Zuchtstier. Die Tiere verbrachten einen Großteil Ihres Lebens im Freien, meist auf Weiden, die – wenn überhaupt – nur mit Festmist oder Dung aus dem eigenem Betrieb gedüngt wurden. Meist waren es Zweinutzungsrassen, die zur Milch- und Fleischgewinnung gehalten wurden. Dadurch erreichten sie auch eine längere Lebenszeit und brachten mehr Kälber auf die Welt als die heutigen Hochleistungsrassen.

„Auerochsenkuh“ Erni  aus der „Auerochsen-Rückzüchtung“ von Walter Frisch – auch Abbildzüchtung genannt –  (Foto © Walter Frisch, Beweidungsprojekt der Stiftung Nantesbuch  im Tölzer Land in Oberbayern)

Diese Erfahrungen – in einer Zeit in der die Landwirtschaft noch vorrangig zur Selbstversorgung betrieben wurde – haben meine Liebe zur Natur und zu den Tieren geprägt. Später war der Stier mehrfach mein Motiv in der künstlerischen und schulischen Ausbildung. Nachdem ich den Architektenberuf erlernt und ausgeübt hatte ergab es sich, dass ich in den 70er Jahren ein Planungsbüro für landwirtschaftliche Bauten übernahm und dadurch erneut mit der Haltung von Tieren, insbesondere Rindern konfrontiert wurde. Seit meiner Jugenderfahrung hatte sich viel geändert und Jungstiere wurden auf engstem Raum in der so genannten „Bullenmast“ auf Spaltenböden gehalten. Kälber wurden von Ihren Müttern getrennt und in „kuscheligen“ Iglus in Einzelhaft genommen.

Gleichzeitig haben die Landwirtschaftsämter die Landwirte angehalten kräftig zu investieren und haben ihnen günstige Finanzierungsmittel für Stallbauten und die Anschaffung von Maschinen angeboten. Dass viele junge Landwirte bei der Hofübernahme und gleichzeitiger Preisregulierung der landwirtschaftlichen Produkte den Hof nicht mehr halten konnten und aufgeben mussten war die Folge. Agrarfabriken haben sich entwickelt, Bauernhöfe wurden in Wohnhäuser umgebaut die von Familien gesucht wurden, die sich die Mieten in den Städten nicht mehr leisten konnten. In meinem Leben habe ich gelernt, dass alles scheinbar Negative positive Ansätze in sich birgt. Gegenreaktionen wurden dadurch motiviert und heute nimmt die Mutterkuhhaltung wieder zu, die Kälber bleiben bei Ihren Müttern und die Tiere leben im Sommer im Freien und im Winter in Offenlaufställen.

Die Entwicklungen in den 70er Jahren haben Erinnerungen an meine Jugendzeit wachgerufen und ich habe mit meiner Familie gegen Ende des selben Jahrzehnts einen 300 Jahre alten und nicht mehr genutzten Bauernhof erworben und renoviert. Die 17 Hektar Land sollten extensiv bewirtschaftet werden und so haben wir 1980 im Tierpark Hellabrunn in München die kleine Herde „Auerochsen“ – auch Heckrinder genannt – gekauft und in ganzjähriger Freilandhaltung als Landschaftspfleger eingesetzt, nachdem die Heckrinder bis dahin ausschließlich in Tier- und Wildparks gehalten wurden. Es war eine der ersten ganzjährigen Freilandhaltungen von Rindern in Europa, die sich sehr schnell verbreitet haben und heute in ganz Europa zur Landschaftspflege und Erhaltung bzw. Wiedergewinnung der Artenvielfalt eingesetzt werden.

Unser Ziel war es – neben der Landschaftspflege – das Abbild des im 17. Jahrhundert ausgestorbenen Urrindes durch Fortführung der von den Gebrüdern Heck in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnene „Auerochsen-Rückzüchtung“ weiter zu verbessern und den Tieren – soweit als möglich – ihren ursprünglichen Lebensraum zurückzugeben. In den 90er Jahren war ich Gründungsmitglied des deutschen Vereins zur Förderung der „Auerochsenzucht“ (VFA) e.V. In über 35 Jahren konsequenter Selektionszucht und Dedomestikation ist es uns gelungen ein wirkliches Abbild des Auerochsen, wie er in alten Berichten dargestellt ist, zu schaffen. 2005 hat meine Familie die Insel Wörth im Staffelsee in Oberbayern gepachtet und die „Auerochsenherde“ dort zur Pflege der parkähnlichen Landschaft eingesetzt. 2010 wurde das Buch „Der Auerochs“ auf der Frankfurter Buchmesse publiziert. Im Jahr 2014 haben wir die besten Zuchttiere an die Stiftung Nantesbuch verkauft, für die ich ein Beweidungsprojekt mit Renaturierung des Haselbach-Tales auf einer Fläche von ca. 100 Hektar im Tölzer Land entwickelt hatte. Die Herde besuche ich in regelmäßigen Abständen.

© Walter Frisch

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