Der Auerochs

Die europäischen Rinderrassen von der Urzeit bis zur Gegenwart

Es gibt etwa 500 verschiedene Rinderrassen auf der Welt. Mit diesem Fachbeitrag möchte Ihnen Buchautor Walter Frisch einen einführenden Überblick liefern!

Abbildung einer Murnau-Werdenfelser-Herde aus dem Fachbuch und Bildband „Der Auerochs“

Abbildung einer Murnau-Werdenfelser-Herde aus dem Fachbuch und Bildband „Der Auerochs“

Die rund 500 taurinen und zebuinen Rinderrassen auf der Erde unterteilt man in Europäische Rinderrassen (Bos taurus) und Zebus, die indischen Buckelrinder (Bos indicus). Eines haben diese Rinder alle gemeinsam: sie stammen vom Auerochsen (Bos primigenius), wenn auch von verschiedenen Unterarten, ab. Dieses ehemals größte Landsäugetier Europas war fast zwei Meter groß und hatte ein Gewicht von bis zu einer Tonne. Der Auerochse gilt als Vorfahr aller europäischen Hausrindarten.

Verbreitung des Auerochsen in Europa

Einst war das Ur-Rind weit über die Felder und Wälder Europas, Asiens und Nordafrikas verbreitet. Vor ca. 8.000 Jahren wurde es vom Menschen domestiziert, unterschiedliche Landrassen entwickelten sich. Die zunehmende Veränderung des Lebensraums bewirkte, dass das einstige Wildrind heute ausgestorben ist. Der letzte Auerochse wurde im Jahre 1627 in Jaktorow/Polen erlegt.

Das Aussterben europäischer Rinderrassen

Mit dem zunehmenden Anstieg der Weltbevölkerung und der aufkommenden Industrialisierung stieg die Nachfrage und Produktion von Lebensmitteln. Durch die Mechanisierung der Landwirtschaft in Europa wurde das Rind als Arbeitstier abgelöst. All diese Gründe zogen eine verstärkte Züchtung von Hochleistungsrassen nach sich. Als Ergebnis war nicht nur das Aussterben des Auerochsen zu verzeichnen, sondern auch spätere Rassen wie die Limpurger, das Vogtländische Rotvieh oder die Murnau-Werdenfelser (siehe Abbildung) sind stark gefährdet und beinahe verschwunden.

Unterscheidung der Rinder nach Nutzung

In Europa unterscheidet man Rinder vor allem nach ihrer Nutzung: So gibt es Einnutzungsrassen (für Milch oder Fleisch), Zweinutzungsrassen (für Milch und Fleisch) oder seltener Dreinutzungsrassen (für Milch, Fleisch und Arbeit). Darüber hinaus gibt es die so genannten Robustrassen.

Die Milchrassen dienen der Produktion von Milch – zu den bekanntesten Milch-Rassen zählen Holstein-Friesian, Schwarzbuntes Niederungsrind, Brown Swiss, Rotes Dänisches Milchrind und Jersey. Die Rinder für die Fleischgewinnung zeichnen sich durch eine ausgeprägte Bemuskelung aus – die bekanntesten Fleisch-Rassen sind Angus, Hereford, Charolais und Weißblauer Belgier. Zu den Zweinutzungsrassen gehören das Rotvieh und Fleckvieh sowie gefährdete Rassen wie Pinzgauer, Vorderwälder und Hinterwälder. Viele Zweinutzungsrassen entstanden aus ursprünglichen Dreinutzungsrassen, die heute vom Aussterben bedroht sind.

Die sogenannten Robustrassen sind in Bezug auf Futter, Haltung und Witterung sehr anspruchslos. Sie sind relativ klein gebaut und können in ganzjähriger Freilandhaltung auf extensiven Standorten gehalten werden. Typische Robust-Rassen sind das Galloway- und das Schottische Hochlandrind. Zu den Robustrindern zählen auch die „Auerochsen“, die jedoch größer gebaut sind, als die schottischen Rinder.

Die Rückkehr der Auerochsen nach Europa

Mittlerweise wird durch „Rückzüchtungen“ versucht, sich dem Abbild des Auerochsen anzunähern. Deshalb nennt man diese neu entstehenden Rinderrassen auch Abbildzüchtungen vom Ur-Rind. Die bekannteste Form der Abbildzüchtungen ist das von den Brüdern Heinz und Lutz Heck in den 1920er Jahren gezüchtete „Heck-Rind“.

Das Heck-Rind – Nachfahre und Rückzüchtung des Auerochsen

Das Heck-Rind und seine Nachfahren wie das Taurus-Rind zählen zu den Robustrassen. Im Deutschen Zuchtbuch der „Auerochsen“ finden sich derzeit über 5.000 dieser rückgezüchteten „Auerochsen“ – weit mehr als 1.000 davon sind lebende Exemplare. Auch in den Niederlanden gibt es wieder einige dieser Abbildzüchtungen.

Anfangs wurden die Heckrinder vor allem in Tierparks gehalten. Aber im Zuge von Extensivierungstendenzen entdeckten immer mehr Landwirte und Naturschützer diese Wildrinder für eine ökonomische und nachhaltige Grünlandbewirtschaftung und Offenlanderhaltung.

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